821 Jahre. So lange dauerte es, bis Zofingen erstmals eine Stadtpräsidentin hatte. Die Wahl von Christiane Guyer (Grüne) am 28. November 2021 zum Stadtoberhaupt war historisch .

Kaum war sie im Amt, kündigte sich Staatsbesuch an : Am 14. Februar 2022 reiste der damalige österreichische Bundeskanzler Karl Nehammer in die Thutstadt. Empfangen wurde er vom schweizerischen Bundespräsidenten Ignazio Cassis (FDP) – und von Christiane Guyer. Nehammer nannte Zofingen eine «wunderbare Stadt» und bedankte sich für «die grosse Gastfreundschaft». Das freute Christiane Guyer besonders, zumal sich die Stadt sehr kurzfristig auf diesen Staatsbesuch vorbereiten musste.

332 Jahre. So alt ist die Zofinger Stadtbibliothek. Gegründet 1693, ist sie die älteste Bibliothek des Kantons Aargau. Den Dachstock der Stadtbibliothek hat sich Stadtpräsidentin Christiane Guyer für das Gespräch mit der Journalistin ausgesucht. Zum Interviewtermin ist sie – wie so oft – mit dem Velo gefahren.

Open Library als Beispiel für ihre politische Arbeit

«Bibliotheken sind Orte des Wissens, der Begegnung und der Information», sagt Christiane Guyer. «All das haben wir in den letzten Jahren stark gefördert.» Als sie als Stadträtin für die Kultur zuständig war, war es ihr ein grosses Anliegen, Wissen, Information und Begegnung zu ermöglichen. «Darum haben wir auch das Projekt Open Library gestartet.» Inzwischen kann man hier von morgens um 7 Uhr bis abends um 21 Uhr lernen, sich austauschen und begegnen. Der gemütlich eingerichtete Dachstock ist zum Veranstaltungsort geworden.

Die Open Library ist für Christiane Guyer eines von vielen Beispielen ihrer politischen Arbeit. Ursprünglich sei das Projekt eine Idee gewesen, «und dann braucht es einfach den Mut, sie umzusetzen. Nur mit Mut bringt man die Menschen weiter», sagt sie. Oft habe sie zu ihren Mitarbeitenden gesagt: «Das probieren wir jetzt einfach.»

Strategie der Regionalpolizei hat sie geprägt

Geprägt hat Christiane Guyer während ihrer Zeit als Stadträtin ab 2010 und in den letzten vier Jahren als Stadtpräsidentin und Ressortvorsteherin Sicherheit auch die Regionalpolizei Zofingen. Die Repol gibt es seit 18 Jahren, 16 davon stand Christiane Guyer ihr vor. «In all den Jahren haben wir die Repol professionalisiert und weiterentwickelt.» Das bestätigt Repol-Chef Stefan Wettstein: «Christiane Guyer prägte die strategische Weiterentwicklung der Regionalpolizei massgeblich, indem sie sich für den politischen Rahmen und die klaren Leitplanken für eine moderne Polizeiarbeit einsetzte und sich mit grossem, persönlichem Einsatz für deren Umsetzung engagierte.» Mit ihrem fachkundigen und engagierten Eintreten für das duale Polizeisystem habe sie einen entscheidenden Beitrag zur Stärkung dieses bewährten Modells geleistet, zeigt sich Wettstein überzeugt. Die langjährige, konstruktive Zusammenarbeit sei von gegenseitiger Wertschätzung geprägt gewesen. «Sie hat damit einen grossen Beitrag zur nachhaltigen Stärkung der regionalen Sicherheit geleistet.»

Als Verantwortliche Feuerwehr und Bevölkerungsschutz war sie nahe dran an der Bewältigung grosser Einsätze – darunter der Sturm im Juli 2011, das Unwetter 2017 mit seinen Überschwemmungen, der Brand im Hirzenberggut und am Kanalweg sowie das Hochwasser 2021.

Einen besonderen Fokus legte Christiane Guyer in ihrer Zeit als Stadtpräsidentin auf die regionale Zusammenarbeit. Nicht alle angestrebten Projekte kamen zum Fliegen, etwa die Fusion der Energiewerke Zofingen, Oftringen und Rothrist. Funktioniert haben hingegen der Zusammenschluss der Feuerwehren Oftringen und Zofingen, des Bevölkerungsschutzes sowie die regionale Musikschule. Ein weiterer Erfolg ist die Vergrösserung der Wirtschaftsförderung mit Strengelbach und Aarburg. «Wenn wir als Region weiterkommen wollen, müssen wir zusammenhalten», betont sie.

Verpasste Wiederwahl: «Es war sehr emotional»

1826 Tage. So lange dauerte die Amtszeit von Christiane Guyer als Stadtpräsidentin. Die hätte sie gerne verlängert. Doch am 18. Mai 2025 verpasste sie die Wiederwahl als Stadträtin – und konnte entsprechend auch nicht mehr für das Stadtpräsidium kandidieren. Das Erstaunen war gross – in ihrem Umfeld, in ihrer Partei, in den umliegenden Gemeinden, aber auch bei den politischen Gegnern. «Es war sehr emotional und kam sehr überraschend», blickt Christiane Guyer zurück.

18 Stimmen. So viele fehlten ihr zur Wiederwahl. «Die wären mit intensiverem Wahlkampf bestimmt zu holen gewesen», sagt sie. Sie habe den Entscheid akzeptiert . Dabei hätte sie sich gerne weiter für die Stadt engagiert, «mit Herzblut», wie sie sagt. Die Stadtentwicklung hätte sie gerne weiterbegleitet. Etliche Arealentwicklungen sind aufgegleist, darunter die Untere Vorstadt , das Areal am Oberen Rebberg, das Swissprinters- oder das Cartub-Areal. «Die Projekte sind in verschiedenen Stadien, das wird sehr spannend», sagt sie.

In der Zeit nach der verpassten Wiederwahl haben ihr die Zeichen der Wertschätzung gutgetan. Die Briefe, die spontanen Kontakte. Sie erzählt von jemandem, der kurzerhand aus dem Auto stieg und sich bei ihr für ihre Arbeit bedankte. «Diese spontanen Reaktionen haben mich sehr gefreut», sagt sie. Eine ihrer Leitlinien im Leben sei: «Was nicht veränderbar ist, muss man annehmen und nicht daran festhalten.»

«Es kam für mich nicht infrage, mich im Haus zu verkriechen»

Christiane Guyer steckte den Kopf nicht in den Sand, sondern trieb ihre Geschäfte vorwärts. Und wenige Tage nach der verpassten Wahl liess sie sich auch am Tag der regionalen Wirtschaft blicken. «Der Kontakt zur Wirtschaft war mir immer sehr wichtig und es kam für mich nicht infrage, mich im Haus zu verkriechen.» Sie stehe zur Politik, die sie gemacht habe. Sie wollte authentisch politisieren, «dazu hatte ich auch positive Rückmeldungen von Menschen aus der Wirtschaft», sagt sie.

Kritik gab es, sie sei «zu grün» gewesen. René Schindler, Präsident der SVP Zofingen-Mühlethal, kritisiert die Verschmälerungen der Strassen oder die Reduktion der Parkplätze in der Altstadt. Für zwei Projekte – für die Umgestaltung des Eisengrubenwegs und der Mühlemattstrasse – erhielt die Stadt den Aargauer Naturpreis. Gleichzeitig waren diese politisch umstritten. «Der Austausch hat wohl gefehlt. Und am Schluss war ich dafür verantwortlich», sagt sie rückblickend. Sie ist überzeugt, dass die Projekte langfristig Akzeptanz finden werden.

Diese zukunftsgerichtete Perspektive begleitete Christiane Guyer, die fünffache Mutter ist, durch ihre politische Laufbahn – von ihrer Wahl in den Einwohnerrat 1986 bis zu ihrer Tätigkeit im Grossen Rat. «Wir haben eine Verantwortung für die kommenden Generationen», sagt sie. Den zunehmenden Individualismus erachtet sie als gefährlich und beobachtet eine Verrohung der politischen Kultur. In ihrer Amtszeit habe sie auch Respektlosigkeiten erlebt. Besonders belastend sei gewesen, wenn sie Unaufrichtigkeit gespürt habe.

«Du hast die grüne Politik in Zofingen nicht einfach vertreten – du hast sie mitgeprägt», würdigte Einwohnerratspräsident Matthias Hostettler in der letzten Einwohnerratssitzung Guyers Schaffen . «Ob in Fragen der Nachhaltigkeit, der Kultur oder der Sicherheit: Deine Handschrift ist sichtbar geblieben. Und vieles, was heute in der Stadt selbstverständlich erscheint, wurde wesentlich von dir angeschoben, durchgetragen oder beharrlich verteidigt.» In seiner Laudatio, die Guyer sehr berührt hatte – «weil sie so authentisch war» –, sagte Hostettler zudem: «Du hast dich nie verbiegen lassen, hast immer für das eingestanden, was dir wichtig war, und hast Zofingen damit bereichert und weitergebracht.»

Wertschätzung trug sie durch die letzten Wochen

Es ist diese Wertschätzung, die Christiane Guyer durch die letzten Wochen ihrer Tätigkeit als Stadtpräsidentin getragen hat. Zum Schluss zeigt sie sich dankbar. «Ich nehme einen grossen Rucksack mit und habe vieles gelernt.» Welche beruflichen Schritte folgen, lässt sie offen. Klar ist für die 62-Jährige: «Ich habe noch zu viel Energie, um mich schon zur Ruhe zu setzen.»

Ihrem Nachfolger und dem Stadtrat wünscht sie alles Gute, viel Erfolg, Mut, Dialogfähigkeit, Grosszügigkeit und Weitsicht bei den Entscheidungen. «Auch in Zukunft geht es darum, gemeinsam tragfähige Lösungen für unsere Stadt und die Region zu finden – für ein lebendiges, zukunftsgerichtetes Zofingen.»

 

> Quelle: Zofinger Tagblatt (29.12.2026)